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SCHREIBEN

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 12: Spiel

"Schreiben ist wie Sex. Hin und wieder kommt etwas Nützliches dabei heraus. Aber darum betreiben wir es nicht." (TV-Moderator Sven in "Das Bestsellernest")"Schreiben ist wie Sex. Hin und wieder kommt etwas Nützliches dabei heraus. Aber darum betreiben wir es nicht." (TV-Moderator Sven in "Das Bestsellernest") Ich spiele für mein Leben gern. Allein und mit anderen. Gesellschaftsspiele, Computerspiele, Denkspiele, Ballspiele. Aber auch Darts, Klavier, Jonglieren … und Schreiben. Eine Welt erschaffen, in der alles möglich ist, auch dass sich eine bodenständige Kriminalkommissarin plötzlich in der Gestalt einer Ratte wiederfindet. Mit Sprache spielen, mit Textsorten spielen, mit Gedanken spielen. Sammeln, verknüpfen, kombinieren. Die Goldnuggets im Schlamm finden, herausfiltern, veredeln. Alle menschliche Kultur hat ihren Ursprung im Spiel. Homo ludens. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt – hat wer gesagt? Schiller, glaube ich.

Schreiben ist ein Spiel ohne Grenzen. Ein Spiel, das von Anfang an über sich selbst hinausstrebt, auf der Suche nach neuem Lebensraum.Aber es ist kein grenzenloses, beliebiges Spintisieren! Auch beim Schreiben gibt es Spielregeln, an die du dich halten musst. Aber die Spielregeln bestimmst du selbst. Das ist der Unterschied. Wenn du scheiterst, scheiterst du an dir selbst. Und erfährst, dass es im Grunde gar kein Scheitern gibt. Du kannst immer wieder von vorn beginnen, wie ein Kind, dessen Turm aus Bauklötzchen zusammengebrochen ist. Du kannst umdenken. Neu denken. Experimentieren. Die alte Spielfreude wiederentdecken. Plötzlich spüren: Jetzt wird's! Genauso muss es sein. Und weiter! Weiter! Und am Ende steht ein Buch.

Mit dem fertigen Buch beginnt noch mal eine neue, spannende Phase im Spiel namens Schreiben. Jetzt kommen die Leser(innen) zur Sprache. Mit ihnen kommen Dialog, Anregung, Ermutigung und Kritik ins Spiel. Und gleich geistert wieder das Gespenst des Scheiterns umher. Was, wenn das Buch nicht angenommen wird? Wenn es negative Rezensionen erfährt? Vor einiger Zeit schrieb der SPIEGEL über ein neues Buch der in Deutschland lebenden Georgierin Nino Gelashvili, sie sei damit "krachend gescheitert". Ein vernichtendes Urteil. Das nichts mehr mit der Freude am Spielen und Experimentieren zu tun hat. Kann so etwas Lautloses wie das Schreiben überhaupt "krachend" scheitern? Vielleicht gefällt das Buch nicht jedem, nicht sofort. Aber muss Kunst jedermann gefällig sein? Vielleicht erfüllt ein Buch nicht die Verkaufserwartungen? Auch da, wo kommerzielle Absichten überhandnehmen, ist es mit dem Spiel schnell vorbei. Zum Wesen des Spiels gehört, dass es seinen Zweck in sich selbst findet. Ein Buch, das heute keinen Anklang findet, kann morgen auf der Bestsellerliste stehen. Siehe die später verfilmte "Revolutionary road" von Richard Yates. Oder "Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada. Schriftsteller brauchen keine einzementierten Urteile über Scheitern oder Nicht-Scheitern. Wir brauchen unverdorbene Freude am Spielen und Teilen dessen, was uns über Jahre so intensiv beschäftigt und begeistert hat.