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Schreiben

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 7: Anders lesen

Schreiben ist gefährlich. Lesen auch.

Stadtbibliothek Prag: Bücherturm des Künstlers Matej Kren. Fotograf: tokamuwi_pixelio.deStadtbibliothek Prag: Bücherturm des Künstlers Matej Kren. Fotograf: tokamuwi_pixelio.de

 

Wenn mir jemand sagt, er schreibe Bücher, lese aber keine, dann weiß ich, dass ich mir die Lektüre seiner Werke ohne großen Verlust ersparen kann. Umgekehrt habe ich es noch nie bereut, das Buch eines Schreibenden gelesen zu haben, der auch passionierter Leser ist. Wer liest, schreibt anders. Und wer schreibt, liest anders. Anders lesen heißt, Bücher nicht nur in genießerischer Behaglichkeit oder auf der Jagd nach einer spannenden Handlung zu konsumieren, sondern auch auf das Wie des Textes zu achten: Wie schafft es der Autor oder die Autorin, ihre Leser zu fesseln oder zu verdrießen? Die Frage nach dem Wie verändert und intensiviert das Lese-Erlebnis. Kein Buch ist so schlecht, dass ich nicht irgendetwas für das eigene Schreiben daraus gewinnen kann. Was ich gut finde, kann als Inspiration dienen, aus dem Schlechten lerne ich, Schwächen besser zu erkennen und zu überwinden.

Als ich anfing zu schreiben, habe ich so ziemlich jeden Schreibratgeber gelesen, der auf dem Markt war, oft verfasst von Leuten, denen der große Wurf selbst nicht glücken wollte. Mit einer Ausnahme: „Wort für Wort“ von Elizabeth George. Diesen Ratgeber kann ich heute noch empfehlen, schon weil er mit zahlreichen Zitaten aus der Literatur deutlich macht, was gemeint ist. Aber am meisten habe ich nicht aus Ratgebern gelernt, sondern aus Büchern, die mich berührten, vor allem von den Meistern der Kunst. Nebenbei verbessert das Lesen solcher Bücher die schriftsprachliche Kompetenz. Eine Zeit lang hatte ich Gutachten für Autoren zu schreiben, die sich mit ihren Romanen zu einem literarischen Wettbewerb angemeldet und nicht gewonnen hatten. Meine Aufgabe war es, ihnen klarzumachen, wo die Stärken ihres Werkes lagen und was sie besser machen konnten. Dafür entwickelte ich verschiedene Kategorien, vom Elementaren wie Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik bis hin zu komplexeren Kriterien wie: Struktur des Romans, Dramaturgie, Personen, logische Stimmigkeit, Stringenz der Prämisse und mutmaßliche Marktchancen. Erstaunlich oft mangelte es bereits am Elementaren, eben dem, was man schriftsprachliche Kompetenz nennt, ohne die kein guter Roman auskommt. Es sei denn, eine Abweichung von den Regeln wäre durch die Handlung begründet, wie etwa in Erich Kästners „Der 35. Mai“, wenn der Schüler Konrad am Ende seinen Aufsatz über die Südsee mit so vielen Fehlern spickt, dass jeder sieht:  Aufsatzschreiben ist nicht seine Stärke! Aber das sind Ausnahmen. Im Allgemeinen erzeugen Rechtschreibfehler in großer Zahl beim Leser den Eindruck, dass er es mit einem inkompetenten Autor zu tun hat und sein Geld besser in ein "richtiges" Buch angelegt hätte. Auch die Kunst der Formatierung, überhaupt der Buchgestaltung will gelernt sein, und auch dazu liefern Bücher in ihrer unterschiedlichen Aufmachung das perfekte Anschauungsmaterial.

Wer schreibt, ohne die Bücher anderer zu lesen, bleibt bei sich selbst stehen. Ausschließliches Schmoren im eigenen Saft kann dazu führen, dass der Saft mit der Zeit vertrocknet, die Inspiration verlorengeht, die kritische Distanz zum eigenen Werk auf der Strecke bleibt. In gleichem Maße wächst die Gefahr des Größenwahns. Nicht Wenigen, gerade Schreibanfängern, steigt der kreative Rausch so zu Kopfe, dass sie meinen, die ganze Welt müsse sich auf ihr neues Buch stürzen, der Bücher anderer bedürfe es nicht mehr. Irrtum! Bei anderen funkt es auch, vielleicht schon länger, reifer und tiefer. Es ist gerade die Möglichkeit, über sich selbst hinauszuwachsen und an etwas teilzuhaben, das größer ist als ich, was mich zum Schreiben und Lesen drängt. Man mag es schöpferischen Geist nennen oder menschliche Kreativität, Magie oder göttlichen Funken, Bewusstseinsstrom oder Energiequelle … auf jeden Fall schafft es eine starke Verbundenheit zwischen Lesern und Romanfiguren, deren Autoren und nicht zuletzt anderen Lesern, die dasselbe Buch gerade lesen oder irgendwann, vielleicht vor langer Zeit, gelesen haben oder lesen werden, wenn es mich gar nicht mehr gibt. Gerade diese geistige Verbundenheit über das eigene Ego hinaus empfinde ich als wunderbaren Ausgleich für die Einsamkeit, die das Schreiben phasenweise auch mit sich bringt - und die auch Gefahren birgt. Nur der Einsame  ist böse, meinte der französische Aufklärer Diderot. In Gesellschaft muss die Neigung zum Bösen unterdrückt werden, man muss sich verkleiden, anpassen. In der Einsamkeit fallen die Masken. Da zeigt sich, was wirklich in einem steckt ...

Alles in allem eine ziemlich gefährliche Sache, das Schreiben ebenso wie das Lesen. Die größte Gefahr besteht darin, dass man nicht mehr damit aufhören kann. Der Geist kennt keinen Feierabend. Ende der geistigen Sesshaftigkeit, Beginn einer niemals endenden Beunruhigung! Anders lesen heißt, zuzulassen, dass eigene Gewohnheiten und Überzeugungen erschüttert, Dogmen gestürzt, Denklücken entlarvt, Dämonen aus der inneren Dunkelkammer freigesetzt werden. Anders lesen heißt auch, offen zu sein für völlig neue Vorgehensweisen, Inhalte, Gedanken. Das macht das Lesen zum permanenten Unruhestifter. Und genau diese Unruhe ist der Boden, auf dem schriftstellerische Kreativität gedeiht. 

 

Folge verpasst? Hier sind alle bisherigen zum Nachlesen:

Folge 1: Ein Rätsel

Folge 2: Die verleugnete Seite

Folge 3: Freiheit

Folge 4: Zeit

Folge 5: Einsamkeit

Folge 6: Schriftzeichen

Dies ist KEIN Schreibratgeber! Sie erfahren hier nicht, wie Sie einen Roman schreiben und auf die Bestsellerlisten bringen.

Ich gebe nur Gedanken übers Schreiben wieder, die mir während der Arbeit an meinen Romanen in den Sinn kommen.

Das gibt mir Klarheit, Mut und Motivation. Möge der Funke überspringen!