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SCHREIBEN!

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 18: Ambivalenz

Bild: Andreas Harmsdorf_pixelio.deBild: Andreas Harmsdorf_pixelio.de

Denn nur das Paradoxe vermag die Fülle des Lebens annähernd zu fassen,

die Eindeutigkeit und das Widerspruchslose aber sind einseitig

und darum ungeeignet, das Unerfassliche auszudrücken.

C. G. Jung

 

„Hat Spaß gemacht!“ Wie oft habe ich als Lektorin oder in Schreibworkshops diesen Satz gehört, vor allem von Menschen, die nicht professionell schreiben. Ich will kein Spaßverderber sein, aber mich macht der Satz in Bezug auf das Schreiben eher skeptisch. Ein gutes Buch lebt nicht davon, dass der Autor Spaß hat, sondern dass es den Leser fesselt. Was dem Leser wohlige Spannung bietet, bedeutet für den Schreibenden oftmals harte Arbeit. Und die macht in der Regel keinen Spaß. Allenfalls, wenn sie beendet ist. Aber das Gefühl nach Beendigung eines Buches würde ich auch nicht als Spaß bezeichnen. Es geht tiefer. Es hat damit zu tun, dass man die Ambivalenz, die dem Schreiben zu eigen ist, die Hassliebe, wie Elizabeth George sie nennt, ausgehalten und überwunden und gerade aus dem inneren Spannungsfeld die Kraft gewonnen hat, Neues zu schaffen.   

Ich würde nicht sagen, dass ich das Schreiben hasse, aber ich mag es auch nicht sonderlich. Und kann es doch nicht lassen. Schreiben und ich, wir sind wie ein Ehepaar, das miteinander alt geworden ist. Es liebt sich und fetzt sich, auch Gewohnheit ist mit im Spiel, gelegentlich ist von Trennung die Rede, und dann ist es  doch wieder die große Liebe! Wenn ich richtig in einem Stoff drin bin und es fließt, kann ich mich und die Welt vergessen. Das ist erfüllte, beglückende Zeit. Aber der Weg dorthin ist überhaupt nicht spaßig. Es ist ein ständiges Ringen um die passenden Worte, Personen, Handlungsabläufe. Zu den Markenzeichen meiner Bücher gehört, dass auch der Humor nicht zu kurz kommt, und das bedeutet, oft lange an den entsprechenden Personen, Dialogen und Wendungen zu feilen, bis sie wirklich witzig und quasi nebenbei rüberkommen. Das ist mühsam. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich anderes, vermeintlich Wichtigeres vorschiebe. An Tagen wie diesem, randvoll mit Aufgaben und Terminen, sprudeln mir die besten Ideen durch den Kopf. Dann wieder habe ich alle Zeit der Welt und halte die Ruhe am  Schreibtisch kaum aus, das Alleinsein mit den halbgaren Gedanken und Entwürfen und der bohrenden Frage nach dem Sinn.

Das ist bei jedem Buch so, seit dem allerersten, meiner Dissertation. Damals artete der Zweifel bisweilen in Verzweiflung aus. Kaum war ein Problem gelöst, wuchsen drei neue nach. Ich glaubte schon gar nicht mehr daran, das Ungeheuer jemals bezwingen zu können. Und gleichzeitig war da das Gefühl: Ich muss da durch, koste es, was es wolle! Irgendwann war es geschafft. Heute schreibe ich keine Sachbücher mehr, sondern Romane, Krimis vor allem, Spannungsliteratur. Darin bringe ich bevorzugt gegensätzliche Persönlichkeiten zusammen und schaffe so ein psychologisches Spannungsfeld: Tamuna und Medea, Sarah und Berit, Hanna und der kratzige Weihnachtsengel, Mensch und Tier … Nicht Spaß, sondern das Ringen mit dem Ambivalenten, Gegensätzlichen, Spannungsvollen ist es, an dem sich mein Denken entzündet und von dem meine Leidenschaft für das Schreiben immer wieder neue Nahrung bezieht.