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Ab Mai gratis: die Sommerlese - Geschichten von Aufbruch und Reise!

(Genaue Daten hier: eBooks)

SCHREIBEN!

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 15: Wandern

Foto: Mariensteig am Achensee. © Winfried SixelFoto: Mariensteig am Achensee. © Winfried Sixel  Ich kann nur beim Gehen nachdenken.

Bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken.

Jean-Jacques Rousseau

 

Spiel mir das Lied vom Leben! Wandern - Lesen - Schreiben: das ist sein Grunddreiklang. Ich bin kein typischer Schreibtischschreiber, kein sitzender Geist. An den Schreibtisch setze ich mich nur, um zu überarbeiten, zu ordnen, zu sortieren. Um kreativ zu sein, muss ich rausgehen, raus aus dem Gewohnten, aus der Komfortzone, aus mir selbst. Das eigentliche Schreiben beziehungsweise seine Voraussetzung, das Denken, findet in Bewegung statt.

Ohne Wandern wäre ich nicht zum Schreiben gekommen, ohne Schreiben nicht zum Wandern. Beides ist auch eine Form von Widerstand gegen die Sesshaftigkeit, gegen die Gefahr, sich einzunisten innerhalb festgefügter Mauern von Meinungen, Urteilen und Überzeugungen, vermeintlichen Sicherheiten und letzter Evidenz. Aufbrechen, unterwegs bleiben, auch unter Schweiß und Anstrengung, auf neuen und alten Wegen, die nicht immer angenehm und leicht sind. Die Suche nach absoluter Gewissheit und geistiger Ruhe ersetzen durch ein wanderndes Bewusstsein. Letzte Gewissheit bedeutet Stillstand. Stillstand ist Tod. Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Sich verlaufen, irren, Fehler machen- Umkehren, den gleichen Weg zurück. Sich dem Wetter aussetzen. Regen, Sonne und Wind fragen nicht, ob sie mir gefallen. Nichts kaufen, nichts besorgen, nur gehen, gehen und gehen, auf steinigen Pfaden, über Steilabschnitte, am Abgrund entlang. Weg von den steinernen Wüsten der Zivilisation. Eintauchen in Stille, Vogelgesang, Wasserplätschern. Das Glück einer einfachen Mahlzeit genießen. Entspannte Verbundenheit mit anderen, die auch unterwegs sind. Niemand hat mehr bei sich, als er tragen kann. Status und Einkommen zählen hier nicht. Auch mal im Kreis laufen und am Ende genau dort herauskommen, wo man losging. Aufbruch und Unterwegssein als Lebenshaltung entdecken in einer Welt, die viel Wert auf Dinge legt. Auch aus dem, was ich schreibe, soll mal ein Ding werden, ein fertiges Produkt, das man kaufen, bewerten, einsortieren und wegstellen kann. Es ist schön, hinüber auf mein Bücherregal zu schauen, das sich von Jahr zu Jahr weiter füllt. Bisweilen greife ich mir ein Buch heraus und lese es neu. Das ist so, als würde ich einen lieben Freund wiedertreffen. Jedes einzelne Buch ist mir Heimat, Zeuge einer bestimmten Lebensphase. Aber im Anfang war nicht das Wort, sondern das Wandern. Das Schreiben ist nur sein Abbild. Spiegel eines Geistes, der lange darunter litt, keinen festen Platz zu finden, wo er hingehört ein für alle Mal. Ich fand ihn erst, als ich erkannte, dass ich zum Wandern bestimmt bin. Und der Horizont ist weit.