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Liebe Adventskalender- und Lesefreunde,

willkommen zum adventlichen Leseritual! Seit 1. Dezember öffnet sich hier täglich ein Türchen für euch und erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft. Tag für Tag könnt ihr hereinschnuppern, bis zum Heiligen Abend ... Wer mag, kann dann am Gewinnspiel teilnehmen und erhält das Buch (bei richtiger Antwort) gratis frei Haus.  

Eine spannende, stimmungsvolle Vorweihnachtszeit wünscht euch Judith Sixel

Der Adventskranz ist eine Kreation von Tausendschön/Anne Weber

 

 11

Siegfried fand seine Frau unter einem Berg von Mänteln und Jacken begraben. Sie war in den Garderobenständer gestürzt.

„Sarah, was machst du denn da? Warum bist du nicht im Bett geblieben? Du blutest ja!“

„Das … Feuer“, stotterte sie. „Hast du gesehen, Flammen überall, der ganze Rauch, der Sheriff war’s, ich hab ihn erkannt, wir müssen sofort …“

„Wir müssen gar nichts. Es ist Nacht, Sarah, schau doch raus, es ist dunkel draußen. Du hast schlecht geträumt. Hier gibt es kein Feuer, da war auch nie eines. Kann man dich keinen Moment mehr ohne Aufsicht lassen?“

„Siegfried, bitte … kannst du nicht bei mir schlafen? Ausnahmsweise, bis es mir wieder besser geht?“

Begeistert war er nicht, aber er gab nach. Unter der Bedingung, dass sie ab jetzt auf ihn hörte und keine Alleingänge mehr unternahm.

Das versprach sie nur zu gern. Diese tollpatschige, verwirrte Frau, die sich vor nicht vorhandenen Katastrophen fürchtete und damit immer neues Chaos auslöste, machte ihr Angst. Selbst in ihrem verwirrten Kopf erkannte sie, dass nicht das Feuer das Problem war, sondern sie selbst, die sich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Solange ihr Mann an ihrer Seite war, hatte alles seine Ordnung. Er war nicht sehr lieb zu ihr, aber seine Festigkeit und Selbstsicherheit gaben ihr Halt. Auf sich geworfen drohte sie zu ertrinken in der Flut von Bildern, die über sie hereinbrachen, alle auf einmal, das war das Schlimmste.

Für den Rest der Sommerferien schliefen sie gemeinsam im Ehebett wie in alten, sehr alten Zeiten. Auch die Mahlzeiten nahmen sie zusammen ein. Seit die Kinder aus dem Haus waren, hatten sie das eher locker gehandhabt. Siegfried pflegte ohne Frühstück aus dem Haus zu gehen, Sarah frühstückte allein, zu Mittag versorgte sich ohnehin jeder selbst, allenfalls das Abendessen nahmen sie gemeinsam ein, wenn es sich ergab, doch auch dies ohne großen Aufwand. Jetzt hingegen frühstückten sie gemeinsam und nahmen sich ausgiebig Zeit, über die Ereignisse aus der Tageszeitung zu reden. Mittags gingen sie in ein kleines Lokal am Rhein zum Essen, auch das gefiel Sarah. Anschließend bummelten sie am Rhein entlang oder durch die Stadt. Dort kauften sie eine Brille, die fast genauso aussah wie diejenige, die der Kommissar aus den Trümmern gezogen hatte.

Das Unglück könne auch daher rühren, dass Sarah im Nahbereich nicht mehr so gut sah, das sei ihm schon öfter aufgefallen, schärfte Siegfried ihr ein. Wie leicht konnte ein schwelender Funke übersehen werden! Der geschäftstüchtige Optiker bestätigte das. Eine neue Brille sei überfällig, zumal die alte völlig falsche Sehstärken für Sarahs Augen aufwies. Siegfried entschuldigte sich. Sie hätten die alte Brille im Urlaub anfertigen lassen und gleich den Eindruck gehabt, dass da kein Profi am Werke war. Obwohl er unverschämt viel Geld dafür verlangt habe. Das tat der neue Optiker auch. Die Brille, die Sarah nun ständig tragen musste, war mit ihren schwachen Gläsern mehr Deko als Sehhilfe. Aber sie stand ihr gut zu Gesicht, gab ihr einen intellektuellen Ausdruck. Sarahs Befürchtung, dass sie damit der Freundin gleichen könne, zerstreute das Spiegelbild. An ihr wirkte die Brille ganz anders als an Berit.

Mit der Brille versöhnte Sarah sich, nicht aber mit den Schuldgefühlen, die sie quälten. Sie hatte die Freundin auf dem Gewissen, das war eine Schuld, die sie nie wieder gutmachen konnte! Tagsüber gelang es ihr, diese Gedanken einigermaßen zu verdrängen, doch in der Nacht rückten sie mit boshafter Penetranz in ihre Träume und ließen sie schreiend auffahren. Dann war sie froh, dass sie hinüberrücken und sich gegen ihren Mann pressen konnte, der davon erwachte und sich anhören musste, was sie Wirres geträumt hatte.

Immer wieder versuchte er ihr klar zu machen, dass sie diese Angstträume nicht mit der Realität gleichsetzen dürfe. Schon gar nicht dürfe sie irgendjemandem davon erzählen! Dass Berit dem Brand zum Opfer gefallen war, musste ihrer beider Geheimnis bleiben. Sarahs Einwand, dass sie einen der Ranger weggehen sah, ließ er nicht gelten. Der Geisteszustand, in dem sie aufgefunden wurde, ließ nicht hoffen, dass ihre Wahrnehmungen ernstgenommen werden konnten, weder von der Polizei noch seitens der Nationalparkverwaltung, im Gegenteil, dann wäre es ganz gewiss aus mit deren Entgegenkommen!

Sarah bewunderte sein kluges strategisches Denken und stellte das eigene Denken ein. Sie fragte ihren Mann fortan in jeder Kleinigkeit um Rat und hielt sich sklavisch an seine Anweisungen.

 

 Morgen mehr ...


Aus: Judith Sixel, Verbrannte Freundschaft, ISBN 978-3-7450-3752-4, 372 Seiten, 12,99 €; auch als e-Book