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SCHREIBEN!

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 17: Ausdruck

Bild: Rainer Sturm_pixelio.deBild: Rainer Sturm_pixelio.de

Es wird immer gleich ein wenig anders,

wenn man es ausspricht.

Hermann Hesse

 

Ein Mensch sitzt am Laptop und drückt auf die Tasten, in sich versunken, der Welt entrückt. Mit Schriftzeichen bringt er sich zur Sprache, erschafft fremde Welten, durchleuchtet die vorhandene, durchmisst einen grenzenlosen Kosmos des Wirklichen und Vorstellbaren. Ich kenne kein Tier, das so etwas tut. Der Computer, ja - auch er kann Texte hervorbringen, gemäß Algorithmen, die Menschen ihm eingeben. Aber mit Schriftzeichen kreativ umgehen, schreibend zum Ausdruck bringen, was er denkt, fühlt, sich vorstellt, das kann er nicht. Das ist spezifisch menschlich. Und offensichtlich ein Grundbedürfnis in einer Gesellschaft, die fast ertrinkt in einer Flut von Geschriebenem und trotzdem immer neue Texte produziert.     

Warum schreiben? Warum nicht reden? Das eine schließt das andere nicht aus. Die Übergänge sind ohnehin fließend. "Schreib, wie du sprichst", riet man Schreibenden in vordigitaler Zeit, damit Texte natürlich wirkten und nicht gedrechselt und gestelzt. Dieser Rat hat sich angesichts der neuen Schriftlichkeit im Netz erledigt. Das Netz schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, ohne Rücksicht auf Orthographie und Interpunktion, Stil und Takt, nach der Devise des Schlussverkaufs: Alles muss raus. Auch Hass und Wut. Schreiben wird hier zu einer zunehmend unreflektierten Art, sich Luft zu machen, Worte abzuschießen wie Pfeile, die noch tiefer und nachhaltiger treffen als die mündliche Rede. Erschreckend, aber eigentlich nicht überraschend. Denn wenn der Mensch schreibend mit sich allein ist, kommt zum Ausdruck, was in ihm ist. Und wenn es keine Instanz gibt, die ihn bremst, wenn es nur noch darum geht, aufzufallen und wahrgenommen zu werden, sind der verbalen Gewalt nahezu keine Grenzen gesetzt.

Und trotzdem schreibe ich. Oder gerade drum. Keine Posts und Tweets, sondern Bücher. Bevor ich ein Buch veröffentliche, lese ich es wieder und wieder durch und frage mich: Drückt es wirklich das aus, was ich meine? Ob es dann auch so beim Leser ankommt, ist eine andere Frage. Aber immerhin habe ich es so geschrieben, wie es für mich stimmig war. Die Rezeption ist Freiheit, und das ist auch gut so. Bücher verlangen keine Antwort von dem, der sie liest. Sie erzeugen keinen Druck: Was sagst du dazu, wie findest du das (außer im Deutschunterricht). Sie können in aller Ruhe wirken, sind eine wunderbar leise, gewaltfreie Art des Ausdrucks. Und können trotzdem einiges auslösen. Das bekam ich schon bei meinem ersten Roman zu spüren. Er trägt den Titel „Bussardland“ und erzählt die Geschichte einer Befreiung. Dachte ich. Auf meine Verwandtschaft wirkte er aber ganz anders. Meine Patentante war so befremdet, dass sie bis zu ihrem Tod nicht mehr mit mir sprach. Und ich war erst einmal so verunsichert, dass ich über Jahre nur noch Briefe und die Lebensberichte anderer schrieb. Doch auf die Dauer ließ sich der Drang, selbst schreibend zu Wort zu kommen, nicht unterdrücken. Ohne Schreiben hätte ich das Gefühl, zu verkümmern, zu ersticken, innerlich stehen zu bleiben.

Früher habe ich gesungen. Die Entdeckung der eigenen Stimme kam der Entdeckung des Lebens gleich. Ich hatte das Glück, bei einem sehr guten Lehrer Unterricht zu nehmen, Professor Paul Lohmann. Seine Frau, die damals schon verstorbene Gesangspädagogin Franziska Martienssen-Lohmann, hat ein Buch hinterlassen, das mir zum ständigen Begleiter wurde. Ganze Sätze daraus konnte ich auswendig, etwa: „Wir lernen singen, um in eine von Ängsten und Zwängen beherrschte Welt den Lebensatem der Freiheit immer neu hinauszustrahlen.“ Ersetze singen durch schreiben, und der Satz besitzt ungebrochen Gültigkeit für mich. Auch mein Schreiben ist getragen vom Lebensatem der Freiheit, Ausdruck einer Existenzweise, die sich nicht im Funktionieren, Brauchen und Gebrauchtwerden erschöpfen will, sondern nach schöpferischem Spielraum verlangt. Wenn ich auf die Flut des Geschriebenen heute schaue, bekomme ich Zweifel am Sinn des Schreibens. Aber dieser Lebensatem der Freiheit, der mir den Antrieb zum Schreiben gibt, will  immer neu geteilt und mitgeteilt werden.