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© Dr. phil. Judith Sixel

SCHREIBEN!

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 13: Humor

Feldberg im Schwarzwald, © Winfried SixelFeldberg im Schwarzwald, © Winfried Sixel Bei der Kripo Hamburg war die Kölsch die Jüngste im Team. Man begegnete ihr zurückhaltend und erwartete ges-teigerten Einsatz von ihr, wie Hauptkommissar Merz – „Merz wie Schmerz, haha!“ – sie gleich beim Einführungsgespräch wissen ließ. „Schluss mit rheinischer Gemütlichkeit!“ Ob er damit auf Mareikes üppige Körperformen oder auf die magere Aufklärungsquote ihres Kölner Morddezernats anspielte oder ob es einfach das war, was ein Norddeutscher unter einem Witz verstand, blieb sein Geheimnis.

(aus: Tödliche Tierliebe – Die Kölsch, 1. Fall)

 

Humor ist ein seltener und nicht immer gern gesehener Gast in der deutschen Literatur, der immer das Risiko birgt, dass ein Werk nicht ernstgenommen wird. Zu leicht, zu seicht, so das tiefsitzende Vorurteil. Ich halte humorvolles Schreiben für eine Kunst, und wenn sie gelingt, macht sie glücklich. Humor ist der große Überwinder, ohne Respekt vor scheinbar unversöhnlichen Gegensätzen, unüberwindbaren Grenzen, festgefügten Meinungen und Erwartungen. Humor stellt die Welt auf den Kopf, nimmt den Dingen die furchtbare Erdenschwere, macht aus Elefanten Mücken, ist Ausdruck einer geistigen Souveränität, die an Krisen und Konflikten nicht kleben bleibt, sie aber auch nicht verdrängt, sondern überwindet. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Humor erfrischt, baut auf, macht Schweres leichter. Aber er ist alles andere als leicht zu erzeugen!

Wie „geht“ Humor? Es gibt diverse "Gebrauchsanweisungen" für humorvolles Schreiben; für die brauchbarste halte ich "The comic toolbox. How to be funny even if you're not" von John Vorhaus. Demnach beginnen die Strategien humorvollen Schreibens schon bei den "comic characters", d. h. den Figuren eines Romans oder einer Geschichte, die schon von ihrer Anlage her komisches Potenzial in sich tragen. Wer mit Nachnamen Bier heißt und dann auch noch aus Köln stammt, gibt die personifizierte Zielscheibe für witzige Bemerkungen ab und muss sich nicht wundern, wenn sich der Spitzname „Die Kölsch“ durchsetzt. Wenn er - in diesem Falle: sie - auch noch äußerlich mit XL-Figur von der Norm der taffen, telegenen Allwetterkommissarin abweicht, dazu neigt, sich hartnäckig in die falschen Männer zu verlieben, und durch eine leuchtend kupferrote Haarmähne auffällt, sind Witz und Farbe im Polizeiapparat vorprogrammiert.

Auch die Kombination ungewöhnlicher, oft gegensätzlicher Elemente, verbunden mit Übertreibung, zählt zu den Strategien humorvollen Schreibens. Es beginnt auf der sprachlichen Ebene, wie im Zitat von den üppigen Körperformen der Kommissarin und der mageren Aufklärungsquote ihres Kommissariats, und zieht sich durch alle Ebenen eines Romans, wie Handlungsaufbau mit unerwarteten Wendungen und Wahrnehmungen oder dem Aufeinanderprallen gegensätzlicher Weltanschauungen bis hin zu absurden Elementen wie einem sprechenden Känguru, das sich als Kapitalismuskritiker erweist – so in den Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling. Wobei schon die Kombination mit immer hochtrabenderen Titeln wie Känguru-Manifest und Känguru-Offenbarung die Lachmuskeln reizt.   

Wichtig auch: eine komische Perspektive. Klassisches Beispiel: Don Quijote, der so viele Ritterromane gelesen hat, dass er sich selbst für einen Ritter hält und auf seinem dürren, alten Gaul mit dem klangvollen Namen Rosinante auszieht, um die Welt aus seiner unzeitgemäßen Perspektive zu erleben. Das Aufeinanderprallen mit der Wirklichkeit, aber natürlich auch die "komischen Figuren" an seiner Seite und eine Menge Sprachwitz sorgen für köstlich humorvolle Effekte. Als Don-Quijotterie habe ich die Adventskalendergeschichte von der kleinen Mia geschrieben, die mit so viel Prinzessinnenkram aufgewachsen ist, dass sie sich selbst für eine Prinzessin hält und auszieht, um der Welt zu beweisen, was wirklich in ihr steckt („Die Weihnachtsprinzessin“).

Aber all die lern- und lehrbaren Techniken dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Humor sich nicht einfach „machen“ lässt. Es ist ein Funke, der beim Schreiben aufblitzen muss. Und der muss zum Schreibenden passen! Jeder muss da seinen eigenen Ton finden. Das ist nicht komplett planbar. Mal gelingt es, dann wieder nicht. Aber man kann ihm den Boden bereiten. Auf handwerkliche Weise, wie in der „Toolbox“ beschrieben, durch Training, aber mehr noch durch eine entsprechende Geisteshaltung, die sich von Widrigkeiten und Konflikten nicht niederringen lässt. Und die sich das Recht auf eine ureigene Wahrnehmungsweise bewahrt, auch und gerade, wenn sie vom Konventionellen abweicht. So gesehen ist Humor auch eine Form des Widerstands – und kann gar nicht ernst genug genommen werden!