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SCHREIBEN!

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 16: Schreibblockade

Bild: Bredhorn Jens_pixelio.deBild: Bredhorn Jens_pixelio.de

 Man fühlt sich aufs Klosett gesperrt,

obwohl man gar nicht muss!

Joachim Ringelnatz

 

In jedem Schreibworkshop sitzt mindestens einer, der gerade an einer hartnäckigen Schreibblockade leidet. Den Kopf voller aufregender Buchprojekte, aber: Nichts geht mehr. Schreibblockade! Es ist zum Modewort geworden, zum schicken Leiden, das Schreibenden erst volle Seriosität und Wichtigkeit zu verleihen scheint. Man sollte meinen, nur die Profis hätten damit zu kämpfen; die anderen könnten das Schreiben doch einfach bleiben lassen! Aber so einfach ist es nicht, wenn entgegengesetzte Bestrebungen im Kampf miteinander liegen. Es fühlt sich äußerst unangenehm an, wie "will und kann nicht". Nicht wenige bringt es dazu, das Schreiben ganz an den Nagel zu hängen. Damit bleibt wieder ein persönliches Entwicklungsfeld brachliegen. Und ein Stück kultureller Vielfalt geht verloren. Schade! Und vermeidbar. Denn Schreibblockaden sind kein Schicksal. Sie haben Ursachen, und wenn die erst mal erkannt sind, lassen sie sich oft mit relativ einfachen Mitteln überwinden.   

Im Prozess des Schreibens ist der Mensch mit sich allein, das gehört zur Natur dieser Tätigkeit. Und gerade das Alleinsein ruft den inneren Zensor auf den Plan: Wen soll das interessieren, was du da schreibst? Ist doch alles Mist, lass es sein, andere können es besser! Eine wirksame Antwort auf diese inneren Dauerbremsen ist die Technik des automatischen Schreibens: Die Gedanken einfach so, wie sie kommen, in die Tasten oder aufs Papier fließen lassen, ohne Rücksicht auf Rechtschreibung und Zeichensetzung, ohne innezuhalten, ohne auch nur die kleinste Korrektur vorzunehmen, möglichst jeden Tag eine Viertelstunde lang. Das Motto heißt nicht: Schreibe das Beste, was die Welt je gelesen hat, sondern: Schreibe dich frei! Möglich, dass 80 % des Geschriebenen später gestrichen oder geändert werden müssen. Aber du kannst vorher nicht wissen, welches die brauchbaren 20 % sind. Dazu musst du drauflos schreiben, mit keiner anderen Bedingung als der, die Finger stetig in Bewegung zu halten. Anschließend nach Möglichkeit immer einen Notizblock bereithalten, denn automatisches Schreiben ruft das Unterbewusstsein auf den Plan, und das fragt nicht nach Uhrzeit und ob es gerade passt, sondern liefert die besten Ideen, wenn man gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Aber so viel Zeit muss sein, schnell ein paar Stichwörter festzuhalten, die später in Ruhe ausgearbeitet werden können. Das liefert schon mal eine viel bessere Ausgangsbasis als ein leeres Blatt und ein ebensolcher Kopf.

Im zweiten Schritt geht es ans Handwerkliche. Oft sind es handwerkliche Schnitzer oder Versäumnisse, die den Schreibfluss hemmen. Erst jüngst habe ich es wieder erlebt, bei der Arbeit an meinem dritten Kölsch-Krimi. Eine Person, die eigentlich als Nebenfigur gedacht war, gewann zunehmend an Wichtigkeit, aber es mangelte mir einfach an Informationen über sie. Erst als ich ein Soufflierblatt (ein umfassendes Charakterbild) von ihr anlegte, floss es wieder. Auch das Stufendiagram erweist sich als wirksames Hilfsmittel gegen Blockaden im Schreibprozess. Es passiert nämlich gar nicht so selten, dass einem beim Schreiben Ideen kommen, die ursprünglich nicht geplant waren, man lässt sich darauf ein wie der Wanderer auf einen reizvollen Umweg, verliert den roten Faden, und die Geschichte gerät ins Stocken. Die kurze Kapitelübersicht in Form des Stufendiagramms zeigt, wie die einzelnen Kapitel folgerichtig aufeinander aufbauen - oder eben nicht, und dann kann man da gezielt ansetzen. Leider werden solche grundlegenden Techniken der Schreibkunst hierzulande nicht in der Schule gelehrt, auch nicht an der Uni, nicht mal im Germanistikstudium. Man muss sie sich selbst aneignen, sei es durch Experimentieren oder in (guten) Schreibworkshops. Und Schreibratgebern. Einer, den ich im Hinblick auf das Handwerkszeug des Schreibens für sehr brauchbar halte, stammt von Elizabeth George (Wort für Wort). George erklärt nicht nur, was unter einem Soufflierblatt und einem Stufendiagramm zu verstehen ist und wie man so etwas anlegt, sie schafft es auch, Lust aufs Schreiben zu machen. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt! Wer längere Zeit an einem Schreibprojekt sitzt, wird zwangsläufig Motivationsschwankungen erleben, von Begeisterung bis hin zu schweren Sinnkrisen. Das gilt auch für erfolgreich Schreibende. Gerade für sie! Der Markt ist so eine launische und übersättigte Diva. Was heute gefällt, muss schnellstens nachgeliefert werden und ist morgen womöglich schon Altpapier. Dann muss wieder Neues her, das gefällt. Das erzeugt Druck, und Druck von außen ist der natürliche Feind der Kreativität.

Aber auch Druck von innen kann blockieren. Der stellt sich häufig gerade dann ein, wenn das Thema seinen Autor sehr fest im Griff hat statt umgekehrt. Hier hilft es mir, parallel zum Buchprojekt Tagebuch zu führen und darin ganz persönliche Aspekte zu klären. Das schreibt sich so leicht, aber es kann eine Menge Kraft kosten, denn es hat mit der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit zu tun. Und schon allein deshalb lohnt es, dranzubleiben! Am meisten Kraft kostete mich bisher der autobiographisch inspirierte Roman Verbrannte Freundschaft. Der Stoff nahm mich derart mit, dass ich nach Veröffentlichung des Buches beschloss, mit dem Schreiben aufzuhören. Ganze sechs Wochen habe ich durchgehalten. Danach drängte es mich mit Macht zur Waldeswut, wie ein aufgestauter Bach, der endlich wieder fließen darf. Vielleicht ist ja gerade so ein Schreib-Intervallfasten das beste Mittel, um Blockaden zu überwinden und verbrauchte Schreibenergien wieder auf Touren zu bringen …