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SCHREIBEN

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 8: Wirklichkeitswund

 

Am falschen Ort zur falschen ZeitAm falschen Ort zur falschen Zeitwirklichkeitswund und Wirklichkeit suchend

 Paul Celan

 

Wer glücklich ist, schreibt nicht. Aber Schreiben können, wenn man unglücklich ist, das ist schon wieder Glück. Schreiben in einer Welt der Algorithmen und übermächtigen Systeme, die aus Menschen User macht, Konsumenten, Datenlieferanten, mehr oder weniger gut funktionierende Rädchen im Getriebe. Ich bin ein Teil von ihr, mindestens drei Viertel meiner Lebenszeit zur Anpassung gezwungen. Aber das Bruchteilchen Freiheit, das mir verbleibt, kann ich nutzen, um schreibend auf die Reise zu gehen, in fremde Welten, zu neuen Menschen. Erstaunlich, wer sich da alles zu Wort meldet: eine vorwärts gewandte Tamuna neben der grüblerischen Medea, eine angepasste Mainstream-Sarah neben der einsamen Widerständlerin Berit, sogar ein alternativ ausgerichteter Schuldirektor, eine Polizeikommissarin, die bei Gelegenheit Tiergestalt annimmt, ein mordender Arzt, der die Menschheit für eine Pest hält … In all diesen Stimmen lebt etwas von mir, keine bin ich ganz. Von Zeit zu Zeit lese ich meine eigenen Bücher wieder, lausche den Stimmen und meine in ihrem Zusammenklang so etwas wie meinen ureigenen Lebenston herauszuhören und einer Wirklichkeit hinter der alltäglichen Wirklichkeit zu begegnen.

Was allerdings aufgeschrieben und zum Buch geworden ist, ist auch wieder den Absurditäten der modernen Maschinenwelt unterworfen. 128 Fehler zeigt mir das Rechtschreibprogramm für mein schmales Buch „Geisterfahrt“ an. Bei näherem Betrachten zeigt sich, dass höchstens zwei davon als Fehler zu betrachten sind, und das auch nur dank einer zweifelhaften Rechtschreibreform. Bei den anderen „Fehlern“ handelt es sich um Eigennamen, die das Programm nicht kennt, um Sprachspiele und Wortwitz, die jedes Kind versteht, nicht aber das Computerprogramm. Ich muss eine Stelle nach der anderen durch „Ignorieren“ beseitigen. Das kostet Zeit. Und Nerven. Ich kann natürlich auch von vornherein auf sprachliche Originalität verzichten und mich auf das Niveau eines Programms begeben, das kein Sprachgefühl besitzt und nicht mit sich reden lässt, einfach nur Anpassung verlangt. Aber das will ich nicht. Ich will nicht schreiben wie ein Automat. Ich will die ganze Klaviatur der Worte auskosten, mitsamt den Obertönen und Schwingungen, will die erneuernde Wirkung der neuen Wörter spüren, die ich für meine Geschichten brauche, als notwendige Ergänzung zu der Wirklichkeit, von der die Nachrichten Tag für Tag berichten und die einem oft genug unwirklich erscheint.

Schreiben ist keine Tätigkeit wie jede andere. Schreiben ist eine Art, in der Welt zu sein. Indem man sie in Worte fasst, stellt man fest, dass DIE Wirklichkeit nur eine von unendlich vielen ist. Der tägliche Ruf zum Schreiben ist wie ein Ruf aus anderen, noch unentdeckten Welten. Ich bin dann mal wieder weg. In der Wirklichkeit gleich nebenan. Vielleicht begegnen wir uns?

Nächste Folge: Selfpublishing (ab 15.10.)

 

Folge verpasst? Hier noch mal kurz zum Nachlesen:

Folge 1: Ein Rätsel

Folge 2: Die verleugnete Seite

Folge 3: Freiheit

Folge 4: Zeit

Folge 5: Einsamkeit

Folge 6: Schriftzeichen

Folge 7: Anders lesen