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SCHREIBEN!

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 20: Eskapismus

Bild: Alexander SixelBild: Alexander Sixel

Fort muss ich von hier, und immer fort,

so weit als der Himmel blau ist!

Joseph von Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts

 

Unter den Klischees vom literarischen Eskapismus scheint sich das Bild des einsamen Dichters im Elfenbeinturm besonders hartnäckig zu halten: ein lichtscheues Nachtschattengewächs, das seine depressiven Gedanken, Gefühle und Stimmungen in die Tasten klopft, sich in fantasierte Ersatzwelten flüchtet, statt sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Werke wie Orwells „1984“, Atwoods „Report der Magd“ oder Kafkas „Verwandlung“ bilden zweifellos nicht die Realität ab, wie die Autoren sie während des Entstehungsprozesses vorgefunden haben. Aber Weltflucht? Schon das Wort ist ein Widerspruch in sich. Wenn es, wie der Philosoph Marcus Gabriel darlegt, DIE Welt nicht gibt, kann man ihr auch nicht entfliehen. Die Welt umfasst alles, was ist. Also gibt es kein drinnen und draußen. Auch das, was „nur“ erfunden, erdacht, erträumt ist, gehört zur Welt. Zum Beispiel die „schöne, neue Welt“ von Aldous Huxley. Oder jene unsichtbare Wand zwischen schreibendem Ich und den anderen in Marlen Haushofers Roman „Die Wand“. Das Mysterium entwirft keine irreale Gegenwelt, sondern macht eine weitere Dimension der Wirklichkeit sichtbar, in diesem Falle die Selbst- und Weltwahrnehmung des schreibenden Subjekts, die so selbstverständlich zur Welt dazugehört wie Einhörner, außerirdische Füchse oder eine Polizistin, die unter bestimmten Umständen im Körper eines Tiers ermittelt. Mögen sie noch so irreal und fantastisch anmuten, sie gehören dazu – und überzeugen umso mehr, je nüchterner und realitätsgetreuer die Umgebung geschildert wird. Dazu allerdings bedarf es der gründlichen Recherche und genauen Beobachtung der Realität!

Fakten und literarische Fantasie stehen einander nicht feindlich gegenüber. Sie sind aus ein und demselben Stoff, so wie Erdenstaub und Sternenstaub, durchdringen sich im Schreibprozess und treiben sich gegenseitig voran. Manche literarische Fiktion, die zur Zeit ihrer Entstehung für utopisch gehalten wurde, ist mittlerweile Realität geworden. Jules Verne, einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur, nahm in seinen fingierten Abenteuerromanen Entwicklungen vorweg, die zu seiner Zeit als undenkbar galten, uns digitalen Zeitgenossen aber selbstverständlich erscheinen.Der literarische Eskapismus kann prophetisch wirken, als Wegweiser und Warnung. Er gründet auf dem bewussten Spiel von Illusion und Wirklichkeit, mit dem Ziel, sichtbar zu machen, was IST und was sein KÖNNTE. Im Gegensatz zu den heute so populären Fake news, die - oft ebenfalls mit viel Fantasie - falsche Faktizität vortäuschen, um die Wahrheit zu verdunkeln und denjenigen, die sie verbreiten, persönliche Vorteile zu verschaffen. Gerade ihnen, den Verfassern von Fake news, wäre weit eher Weltflucht vorwerfen, in umgekehrter Richtung: nicht als Flucht vor der Welt, sondern in die Welt, wie im Nietzsche-Gedicht: „Was bist du Narr/Vor Winters in die Welt entflohn?//Die Welt – ein Tor/Zu tausend Wüsten stumm und kalt!/Wer das verlor,/Was du verlorst, macht nirgends Halt.“ (Der Freigeist. Abschied) Da geht es nicht um die Flucht des Dichters in den Elfenbeinturm der eigenen Wortwelten, sondern um die Weltverlorenheit des modernen Individuums in der lärmenden Leere der Masse. Es ist uns zur Gewohnheit geworden, die Welt im Smartphone bei uns zu tragen, rund um die Uhr zu kaufen, zu handeln, zu twittern, zu posten, zu chatten, zu spielen, die neuesten Nachrichten zu lesen ... Wie wohltuend dagegen Zeiten des Rückzugs, um literarisch tätig zu sein. Romane werden nicht in Echtzeit in die ganze Welt posaunt. Sie wachsen und reifen über lange Zeit im Verborgenen. Und entfalten gerade dadurch die Zauberkraft, den „tausend Wüsten“ dieser Welt Widerstand zu bieten. Eskapismus ist nur ein Wort. Das literarische Schreiben aber ist eine kostbare Kraft in einer Welt, deren Wüsten mit jedem Tag wachsen. 

ICH BIN DANN MAL WEG. Das heißt: diese Homepage endet hier. Nach über neun Jahren monatlicher Beiträge ist am 1. Dezember Schluss. Dank an alle, die regelmäßig oder sporadisch vorbeigeschaut haben. Bleibt mir gewogen! Ich bin ja nicht aus der Welt ...