Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

SCHREIBEN

50 Seiten einer Leidenschaft

Folge 6: Schriftzeichen

Erste Skizzen zu "Die Rattenfrau". 
Foto: Winfried SixelErste Skizzen zu "Die Rattenfrau". Foto: Winfried Sixel

Geschriebene Worte sind nicht Schall und Rauch.

Sie sind lautlose Zeichen, die ein Mensch in einen leeren Raum setzt.

 

 

Was den Schriftsteller ausmacht, ist der leidenschaftliche Drang, die Welt in Worte zu fassen. Schriftlich fixierte Worte, die sich von der Flüchtigkeit der mündlichen Rede ebenso abheben wie von der Turbo-Kommunikation im Posten, Bloggen, Twittern und Chatten um die ganze Welt. Verkürzte Botschaften, Akü-Trends, Fake-News, aneinandergereihte Phrasen, pausenloses Netzgeschnatter ohne Punkt und Komma unter Vernachlässigung von Rechtschreibung und Grammatik machen noch keinen Schriftsteller, erzeugen nur eine  Flut von Sprachmüll. Uniquak. Kraftlos. Bedeutungslos. Schriftsteller verwenden die Sprache nicht als Gebrauchsartikel, sondern eher wie ein kostbares Instrument, das es immer neu von Alltagsstaub und Abnutzung zu befreien und sorgfältig aufzubereiten gilt, damit es klingen und schwingen und die Welt in Bewegung setzen kann.

Dabei ist es nur ein begrenzter Vorrat von Zeichen, der dazu zur Verfügung steht: die Buchstabenschrift mit ihren Konsonanten und Vokalen, die sich zu Wörtern zusammenfügen lassen, zu Sätzen, Absätzen, Kapiteln heranwachsen, und am Ende steht ein Buch, das auf lautlose Weise seinen Weg zu anderen Menschen finden, sie berühren und etwas in ihnen verändern kann. Die Schriftsprache hat ihren Ursprung in der Sphäre des Heiligen, dem Profanen Enthobenen. In den Anfängen waren die Dichter Priester des Wortes. In guten Büchern ist sie bis heute spürbar, die Magie geschriebener Buchstaben, die den Menschen über sich selbst hinausweist, in jede beliebige Zeit und an jeden nur denkbaren Ort versetzt, Vergangenheit lebendig hält und Zukunft lesbar macht. „Die Buchstaben sind Symbole von Dingen und haben solch eine Macht, dass sie die Rede der Person von unserem Ohr ohne ihre Stimme vernehmbar machen“, staunte Johannes von Salisbury schon vor fast tausend Jahren. Schreiben schafft eine lautlose Wirklichkeit, einen Raum des Schweigens, der sich auf geheimnisvolle Weise bis in die Wortlärmerei unserer Tage Gehör verschafft. Wer schreibt, betritt das faszinierende Zwischenreich der Zeichen, Bilder, Symbole und Träume. Natürlich kann man Schriftzeichen auch einfach dazu verwenden, Banalitäten vom Leben abzuschreiben. Aber sie können mehr. Die Kunst des Schreibens besteht darin, mit Hilfe der Schriftzeichen verborgene Resonanzen zu schaffen, in Chiffren Dinge sichtbar zu machen, die sich dem Oberflächenblick entziehen, und die Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem immer neu auszuloten.

 

Folge verpasst? Hier alle bisherigen zum Nachlesen:

Folge 1: Ein Rätsel

Folge 2: Die verleugnete Seite

Folge 3: Freiheit

Folge 4: Zeit

Folge 5: Einsamkeit