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Die Gedanken sind frei ... 
Foto: Winfried SixelDie Gedanken sind frei ... Foto: Winfried Sixel3 Freiheit

 

Schreiben ist eine wunderbare Tätigkeit. Ich kenne keine, die mir auf Dauer mehr Erfüllung und Begeisterung schenken könnte. Auf Dauer heißt: seit über 40 Jahren. Aber allein vom Schreiben den Lebensunterhalt bestreiten zu wollen, würde ich niemandem raten. Nicht nur, weil es aller Wahrscheinlichkeit nach auf ein karges, sehr unregelmäßiges Einkommen hinausliefe, mit einem Stundenlohn, dessen sich jede Mindestlohntabelle schämen muss und der in keinem Verhältnis zur aufgewendeten Hirnaktivität steht, sondern auch, weil man das Beste aufs Spiel setzt, was das Schreiben zu bieten hat: die Freiheit.

Wer schreibt, muss sich keinem Chef, keiner Stechuhr, keinem strengen Zeitplan unterordnen - solange er keinen Erfolg hat. Gesetzt hingegen den unwahrscheinlichen Fall, den heute alle als eigentlichen Sinn und Zweck des Schreibens zu betrachten scheinen: ein schriftstellerisches Werk hat Erfolg und bringt dem Autor und allen, die an seinem Entstehen beteiligt sind, Geld ein, viel Geld, dann ist es aus mit der Freiheit. Verlagsprogramme folgen strengen Zeitplänen, Lektoren und Agenten machen Druck. Was einmal Erfolg hat, muss zügig neu geliefert werden, solange die Nachfrage reicht. Der Erfolg ist ein Gott des Augenblicks. Wer sich ihm unterwirft, verwandelt schmale Abenteuerpfade in Autobahnen, auf denen alle ihre Rechte und Freiheiten geltend machen, nur aus dem freien Autor wird ein Schreibsklave, der auf das festgelegt ist, was der launischen Diva Buchmarkt gefällt. Mancher sucht Zuflucht im Pseudonym – siehe Joanne K. Rowling, deren Beispiel auch zeigt, wie schwer es für einen Erfolgsautor ist, zurückzufinden in die geheimnisvolle Verborgenheit, die dem Schreibprozess seinen prickelnden Zauber schenkt. Die Verbundenheit mit dem schriftstellerischen Baby ist am innigsten, solange es - und sein Autor - im Verborgenen leben und sich entwickeln können.

Ich denke, was ich will und was mich beglücket, doch alles in der Still‘ und wie es sich schicket, heißt es in meinem Lieblingslied. Nicht aber auf dem Buchmarkt! Die Verkaufschancen eines Buches steigen mit wachsender Abweichung vom Schicklichen und möglichst lautstarker Werbung. Doch wer es aushält, erfolglos zu schreiben, im Verborgenen, genießt sie noch, die grenzenlose Freiheit der Gedanken, kann schreibend neue Planeten besiedeln und Menschen in Tiere verwandeln, und wenn er mal keine Lust oder Inspiration zum Schreiben verspürt, dann lässt er es eben bleiben. Was für eine Befreiung! Man kann es auch Glück nennen.