Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Man nehme ... sich die Natur als Beispiel. Foto: Winfried SixelMan nehme ... sich die Natur als Beispiel. Foto: Winfried Sixel4 Zeit

 

Als Schreibwerkstattleiterin habe ich Menschen kennengelernt, die ein Dutzend vielversprechender Romane begonnen und auf dem Friedhof der unvollendeten Werke begraben hatten. Irgendwann war da mal ein Funke, der sie zum Schreibtisch trieb, daraus entstand ein Anfang, der Großes erwarten ließ, doch spätestens nach zwanzig Seiten war das Feuer erloschen. Andere Funken stellten sich ein und erstarben ebenfalls, lange bevor das Werk vollendet war. Auf die Frage, warum sie nicht weiterschrieben, kam die Antwort: „Ich würde ja gerne, aber leider fehlt mir die Zeit!“

Achtung, Ausrede! Die meisten Romanpläne sterben nicht am Zeitmangel, sondern an der Ungeduld des Autors. Ein komplexes Werk wie ein Roman ist wie das Wurzelwerk eines Baumes. Es braucht Jahre, um stark und belastbar zu werden, sich unterirdisch zu verzweigen und den sichtbaren Teil über der Erde nachhaltig mit Nahrung zu versorgen. Ich skizziere alle Ideen, die mir interessant erscheinen, erst mal ins Unreine. Dann warte ich ab, probiere dies und jenes aus, immer bereit, es wieder zu verwerfen. Auch dabei ist mir die Natur die beste Lehrmeisterin - wie sie unermüdlich mit immer neuen Formen, Farben und Figuren experimentiert. Manche bewähren sich und können sich weiter entwickeln, andere enden in der Sackgasse und müssen aufgegeben werden. Ideen kommen wie aus dem Nichts, bisweilen entwickelt sich eine Geschichte daraus, die einen packt und nicht mehr loslässt, bisweilen entwickelt sich nichts. Oder noch nicht. Möglich, dass es in einigen Wochen, Monaten, mitunter auch Jahren wieder anders aussieht, dass eine Idee in einen neuen Rahmen gestellt, aus einer anderen Perspektive betrachtet plötzlich wieder zündet! Man muss ihr nur die Möglichkeit dazu lassen.

Das heißt gerade nicht, täglich oder gar nächtlich viele Stunden am Schreibtisch zu sitzen und das übrige Leben zu vernachlässigen. Ich habe alle meine Bücher, von der Dissertation bis zu den Romanen, in einer halben Stunde geschrieben. Täglich! Manchmal wurde auch eine Stunde daraus, selten mehr. An guten Tagen bestand der Ertrag aus bis zu zehn Seiten, an weniger guten aus einer Seite, bisweilen auch nur aus einem einzigen Wort oder darin, schon Geschriebenes wieder zu streichen. Wachstum lässt sich nicht zwingen. Es geschieht ganz von selbst, Tag für Tag und nicht zu vergessen die Nacht, wenn das Unterbewusstsein seine Tore öffnet und Einblicke in die Dunkelkammer der Seele eröffnet, aus der die spannendsten Ideen kommen. Man muss sie nur zulassen, ihnen Raum geben, und gerade durch das Geschehen-Lassen entwickelt sich mit der Zeit der ganz eigene Ton, Stoff und Stil. Eben das, was einen Roman unverwechselbar macht.