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Es bedarf immer einer Trennung von den anderen Leuten um die Person herum, die Bücher schreibt (Marguerite Duras) Foto: Winfried SixelEs bedarf immer einer Trennung von den anderen Leuten um die Person herum, die Bücher schreibt (Marguerite Duras) Foto: Winfried SixelVielleicht gibt es bald auch hierzulande, nach dem Beispiel Großbritanniens, ein Ministerium gegen die Einsamkeit. Aber hoffentlich wird es ihm nie gelingen, die Einsamkeit abzuschaffen! Sonst würde das Bücherschreiben gleich mit abgeschafft. Bücher – gute, lesenswerte Bücher – sind Früchte der Einsamkeit, und wer das Schreiben als Kunst betreibt, braucht Zeiten des Getrenntseins von den anderen. Das ist das Schreckliche und das Schöne am Schreiben.

Als ich anfing zu schreiben, wusste ich das noch nicht. Ich suchte die literarische Geselligkeit in jeder Form – Schreibkurse und Workshops, Co-Autorenschaft, Ghostwriting … Es war ein anregender Zeitvertreib, aber literarisch produktiv wurde ich erst, als ich mich der Herausforderung Einsamkeit stellte. Sie erscheint mir heute als das Wichtigste im Schreibprozess, wichtiger noch als alles, was sich schreibtechnisch lernen und lehren lässt. Es ist ähnlich wie beim Marathon. Du kannst im Pulk loslaufen, ausgestattet mit guten Ratschlägen, Versorgungsstationen und anfeuerndem Publikum am Straßenrand, aber irgendwann kommst du bei dir selber an, erfährst schmerzlich deine Grenzen, musst  sie aushalten  und gleichzeitig überwinden und ganz alleine schauen, woher du den Antrieb und die Kraft zum Weitermachen findest. Wenn du das schaffst, bist du dir ein gutes Stück nähergekommen und gleichzeitig über dich selbst hinausgewachsen. Und genau wie der Marathonläufer am Ende nicht allein ins Ziel einlaufen muss, muss sich auch der Schreibende nicht in seiner Klause einbunkern. Auch in Cafés, vollen Wartezimmern, in der Bahn oder U-Bahn schreibt es sich hervorragend, äußerlich verbunden, aber innerlich getrennt von den Leuten, die man nicht kennt und die gerade nichts von einem wollen. Schmerzliches, köstliches Getrenntsein, mit dem das eigene Denken beginnt! Was da zur Sprache kommt, ist nicht immer angenehm und allemal anstrengender, als andere denken zu lassen und einfach den aktuellen Trends zu folgen. Aber es hat auch seine guten Seiten. Zeiten des Getrenntseins sind auch Zeiten der Befreiung von all den Stimmen, Meinungen, Ängsten, Interessen, Zielen und Erwartungen anderer, die heute Tag und Nacht auf uns einwirken. Unsere Welt krankt nicht an zu viel Einsamkeit. Sie krankt an der schwindenden Fähigkeit, Einsamkeit auszuhalten und als erfüllte Zeit zu gestalten. „Das Geheimnis eines schönen Alters ist der würdige Umgang mit der Einsamkeit“ (Gabriel Garcia Marquez). Der Literaturnobelpreisträger plädiert ausdrücklich nicht für die Abschaffung der Einsamkeit, sondern dafür, würdig – das heißt auch, ihre Vorzüge würdigend – mit ihr umzugehen.

„Die Wand“ von Marlen Haushofer ist ein Buch des würdigen Umgangs mit der Einsamkeit. Das Traurige an diesem Buch, das, was so nachhaltig unter die Haut geht, ist nicht die Einsamkeit der Ich-Erzählerin, sondern dass sie gestört wird. Die Fiktion einer unsichtbaren Wand, die das Ich von den anderen Menschen trennt, schützt auf Dauer nicht vor dem Eindringling, der Gewalt, Zerstörung und Tod in die Welt bringt. Die Einsamkeit des Schreibenden ist kein hermetisch abgeschlossenes System, das Sicherheit und eine bessere Welt garantiert. Sie ist eher wie eine Schöpfkelle zu jenem Brunnen, der, manchmal tief verborgen, die ureigenen schöpferischen Quellen birgt, das Neue und Erneuernde, das, was du zu sagen hast und kein anderer und was all der Mühen, die mit dem Schreiben auch verbunden sind, wert ist.