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Geschriebene Worte sind nicht Schall und Rauch. Sie sind lautlose Zeichen, die ein Mensch in einen leeren Raum setzt. Foto: Winfried SixelGeschriebene Worte sind nicht Schall und Rauch. Sie sind lautlose Zeichen, die ein Mensch in einen leeren Raum setzt. Foto: Winfried Sixel

Was den Schriftsteller ausmacht, ist der leidenschaftliche Drang, die Welt in Worte zu fassen. Schriftlich fixierte Worte, die sich von der Flüchtigkeit der mündlichen Rede ebenso abheben wie von der Turbo-Kommunikation im Posten, Bloggen, Twittern und Chatten um die ganze Welt. Verkürzte Botschaften, Akü-Trends, Fake-News, aneinandergereihte Phrasen, pausenloses Netzgeschnatter ohne Punkt und Komma unter Vernachlässigung von Rechtschreibung und Grammatik versorgen uns rund um die Uhr mit einer  Flut von Sprachmüll. Uniquak. Kraftlos. Bedeutungslos. Muss wirklich immer noch mehr geschrieben werden, gar in gedruckten und elektronischen Büchern? Oder hat sich das Bücherschreiben durch die Explosion der digitalen Schriftlichkeit überholt? Meine Antwort überrascht sicher nicht, ich lebe sie ja jeden Tag und bekräftige sie mit jedem neuen Buch: Schriftsteller waren nie wichtiger als heute. Sie verwenden die Sprache nicht als Gebrauchsartikel, sondern wie ein kostbares Instrument, mit dem man gar nicht liebevoll und achtsam genug umgehen kann. Ein Instrument, das es immer neu von Alltagsstaub und Abnutzung zu befreien und sorgfältig aufzubereiten gilt, damit es klingen und schwingen und die Welt in Bewegung setzen kann.

Dabei ist es nur ein begrenzter Vorrat von Zeichen, der uns dazu zur Verfügung steht: die Buchstabenschrift mit ihren Konsonanten und Vokalen, die sich zu Wörtern fügen, zu Sätzen, Absätzen, Kapiteln heranwachsen, und am Ende steht ein Buch, das auf lautlose Weise seinen Weg zu anderen Menschen finden, sie berühren und etwas in ihnen verändern kann. Die Schriftsprache hat ihren Ursprung in der Sphäre des Heiligen, dem Profanen Enthobenen. In den Anfängen waren die Dichter Priester des Wortes. Und in guten Büchern ist sie bis heute spürbar, die Magie geschriebener Zeichen, die den Menschen über sich selbst hinausweist, in jede beliebige Zeit und an jeden nur denkbaren Ort versetzt, Vergangenheit lebendig hält und Zukunft lesbar macht. „Die Buchstaben sind Symbole von Dingen und haben solch eine Macht, dass sie die Rede der Person von unserem Ohr ohne ihre Stimme vernehmbar machen“, staunte Johannes von Salisbury vor fast tausend Jahren. Schreiben schafft eine lautlose Wirklichkeit, einen Raum des Schweigens, der sich auf geheimnisvolle Weise bis in die Wortlärmerei unserer Tage Gehör verschafft. Wer schreibt, betritt das faszinierende Zwischenreich der Zeichen, Bilder und Symbole, lässt sich ein auf das Abenteuer, mit Hilfe der Schriftzeichen verborgene Resonanzen zu schaffen, in Chiffren Dinge sichtbar zu machen, die sich dem Oberflächenblick entziehen, und die Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem immer neu auszuloten. So können die Schriftzeichen zu Wünschelruten werden, um verborgene Schätze aufzuspüren und Energien aus dem Unbewussten freizusetzen, die unter Umständen noch nach Jahrhunderten ihre Kraft entfalten. Oder sie werden zu Gebrauchsartikeln, zu nichts anderem geschaffen als Staub von der Oberfläche aufzuwirbeln. Die Kunst des Schreibens besteht darin, das eine vom anderen zu unterscheiden.