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Schreiben ist gefährlich. Lesen auch. Foto: Stadtbibliothek Prag, der Bücherturm des Künstlers Matej Kren. Fotograf: tokamuwi_pixelio.deSchreiben ist gefährlich. Lesen auch. Foto: Stadtbibliothek Prag, der Bücherturm des Künstlers Matej Kren. Fotograf: tokamuwi_pixelio.de

 

Wenn jemand sagt, er schreibe Bücher, lese aber keine, dann weiß ich, dass ich mir die Lektüre seiner Werke ohne großen Verlust ersparen kann. Umgekehrt habe ich es noch nie bereut, das Buch eines Schreibenden gelesen zu haben, der auch zu den passionierten Lesern zählt. Wer liest, schreibt anders. Und wer schreibt, liest anders. Anders lesen heißt, Bücher nicht nur in genießerischer Behaglichkeit oder auf der Jagd nach einer spannenden Handlung zu konsumieren, sondern auch auf das Wie des Textes zu achten: Wie schafft es der Autor oder die Autorin, mich als Leserin zu fesseln oder zu verdrießen? Die Frage nach dem Wie verändert und intensiviert das Lese-Erlebnis. Kein Buch ist so schlecht, dass sich nicht irgendetwas für das eigene Schreiben daraus gewinnen lässt. Und alles, was meinen Lesenerv trifft, wirkt inspirierend auf die eigenen Werke.

Wer schreibt, ohne die Bücher anderer zu lesen, bleibt bei sich selbst stehen. Ausschließliches Schmoren im eigenen Saft kann dazu führen, dass derselbe mit der Zeit vertrocknet, die Inspiration verlorengeht, die kritische Distanz zum eigenen Werk auf der Strecke bleibt. In gleichem Maße wächst die Gefahr des Größenwahns. Gerade Schreibanfängern steigt der kreative Rausch bisweilen so zu Kopfe, dass sie meinen, die ganze Welt müsse sich auf ihr neues Buch stürzen, der Bücher anderer bedürfe es nicht mehr. Irrtum! Bei anderen funkt es auch, und  viele  haben Lesenswertes mitzuteilen. Es ist gerade die Möglichkeit, über sich selbst hinauszuwachsen und an etwas teilzuhaben, das größer ist als das Ego, was mich zum Schreiben und Lesen drängt. Man mag es schöpferischen Geist nennen oder menschliche Kreativität, Magie oder göttlichen Funken, Bewusstseinsstrom oder Energiequelle … auf jeden Fall schafft es Verbundenheit zwischen Lesern und Romanfiguren, Autoren und nicht zuletzt anderen Lesern, die dasselbe Buch gerade lesen oder irgendwann, vielleicht vor langer Zeit, gelesen haben. Die geistige Verbundenheit mit anderen ist ein wunderbarer und dringend notwendiger Ausgleich zu der Einsamkeit, die das Schreiben mit sich bringt - und die auch ihre Gefahren birgt. Nur der Einsame  ist böse, meinte der französische Aufklärer Diderot. In Gesellschaft muss die Neigung zum Bösen unterdrückt werden, man muss sich verkleiden, anpassen. In der Einsamkeit fallen die Masken. Da zeigt sich, was wirklich in einem steckt ... Vielleicht auch eine Erklärung dafür, dass sich seit jeher so viel Krankes in der Literatur tummelt.

Alles in allem eine ziemlich gefährliche Sache, das Schreiben wie das Lesen. Die größte Gefahr besteht darin, dass man nicht mehr damit aufhören kann. Der Geist kennt keinen Feierabend. Ende der geistigen Sesshaftigkeit, Beginn einer niemals endenden Beunruhigung! Anders lesen heißt, zuzulassen, dass eigene Gewohnheiten und Überzeugungen erschüttert, Dogmen gestürzt, Denklücken entlarvt, Dämonen aus der inneren Dunkelkammer freigesetzt werden. Anders lesen heißt auch, offen zu sein für völlig neue Vorgehensweisen, Inhalte, Gedanken. Das macht das Lesen zum permanenten Unruhestifter. Und genau diese Unruhe ist der Boden, auf dem die schriftstellerische Kreativität gedeiht.