Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

SCHREIBEN

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 10: Fantasie

 

Foto: Winfried SixelFoto: Winfried Sixel

 Die Fantasie ist ein ewiger Frühling.

(Friedrich von Schiller zugeschrieben)

 

 „Der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigten Wirklichkeit“, meinte Sigmund Freud. Vermutlich begegnete er in seiner Praxis reichlich unbefriedigten Wünschen, der Vater der Psychoanalyse. Ob er auch Menschen kannte, die glücklich waren und - seiner Theorie zufolge - keine Fantasie brauchten? Kinder vielleicht. Aber gerade sie sprühen oft nur so von Fantasie. Und wirken gerade deshalb so glücklich. Was, wenn es genau umgekehrt wäre: dass die Welt befriedigender wäre, gäbe es mehr Menschen mit Fantasie?

Fantasie ist Vorstellungskraft. Eine Kraft, eine Energie, und dazu noch eine regenerative. Wo der nüchterne Realitätssinn sagt: „So ist es“, fragt die Fantasie: „Was wäre, wenn …?“ Funktionäre haben keine Fantasie. Ihnen fehlt die Fähigkeit, über das Gegebene hinauszudenken und aus grau bunt zu machen. Auch das Tier kann sich nichts ausdenken, ebenso wenig wie ein technisches Gerät, das nur dem eingespeicherten Programm folgt. Wer schreibt, ist Bürger zweier Welten, der realen und derjenigen, die seiner Fantasie entspringt. Schreiben heißt, übers Wasser gehen, auf einem Weg, den es noch gar nicht gibt. Über Untiefen, Stromschnellen und bisweilen auch über ausgetrocknetes, dürres Land. Schritt für Schritt, Wort für Wort, Schriftzeichen für Schriftzeichen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren eigenen Verstand!   

Es gibt heilsame Fantasien. Und es gibt kranke Fantasien. Einer schwedischen Langzeitstudie zufolge sind Schriftsteller/innen besonders gefährdet, an bipolaren Störungen, Schizophrenie oder anderen Formen des Wahnsinns zu erkranken. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Freitod wählen, ist um fünfzig Prozent höher als bei nicht kreativ tätigen Vergleichspersonen. Aber mit Studien ist es wie mit Statistiken. Wer Beweise für seine Überzeugung sucht, wird immer eine geeignete Studie finden. Aber wo ist die Studie, die untersucht, wie viele Menschen das Schreiben schon vor dem Wahnsinn oder einem vorzeitigen Tod gerettet hat? Und um wie viel voller die psychiatrischen Einrichtungen wären, gäbe es keine Literatur, in der sich die heilsame Kraft der Fantasie entfalten kann?

Es gibt individuelle Fantasien, die nur im Kopf des Einzelnen leben, und es gibt kollektive oder universale Fantasien, die sich als Motive in Religionen, Mythen, Märchen oder als Archetypen in Träumen finden. Sie erweitern die Realität um bisher nicht gelebte Dimensionen. Manche Wahrheit lässt sich besser und deutlicher sagen, wenn man sie in Fantasie kleidet – Fantasiegestalten, Fantasieorte, Fantasiehandlung. Nicht selten haben literarische Fantasien reale Entwicklungen vorweggenommen. Oder davor gewarnt. In George Orwells Meisterwerk „1984“ kommt der totalitäre Kontrollstaat noch im Kleid der Fantasie daher. Genial fantasiert. Bedrückend real. FANTASIE IST WAHRHEIT! WAHRHEIT IST FANTASIE! Menschen ohne Fantasie können die Welt verwalten. Menschen mit Fantasie können sie verwandeln.