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SCHREIBEN

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 11: Krimis 

Foto: Rainer Sturm_pixelio.deFoto: Rainer Sturm_pixelio.deEs gibt viele gute Gründe, Krimis zu schreiben. Und zu lesen. Spaß am Denksport ist einer. Ein kunstvolles Netz von Fäden auslegen und am Ende elegant entwirren - das ist nicht so leicht, wie es im besten Falle rüberkommt. Sudoku ist gar nichts dagegen! Aber es macht Spaß. Und lässt einen nicht los. Manchmal denke ich beim Schreiben, das kriege ich nie entwirrt! Wie soll ich je wieder aus diesem Chaos herausfinden? Und dann gelingt es doch, Faden für Faden, Satz für Satz.  

Aber Krimischreiben ist mehr. Es geht um Leben und Tod. Auch darum, wie zerbrechlich und kurz das Leben ist. Und wie viel Dunkles, Abgründiges hinter Alltagsfassaden lauert. Man sieht einem Menschen nicht an, was in ihm rumort, sich vielleicht über Jahre aufgestaut hat und schließlich auf kriminelle Weise Luft macht. Meine Erfahrungen mit Strafgefangenen haben mir klargemacht, dass es keine rigide Kategorisierung in Schwarz und Weiß, Gut und Böse gibt, wohl aber eine Menge Zwischentöne, verpasste Chancen, Verschiebungen in der Realitäts- und Selbstwahrnehmung. Ein weites Feld. Und ein spannendes.

Dabei bin ich eigentlich gar kein Krimi-Fan. Sachbücher und Dokumentationen zur Polizeiarbeit und reale Kriminalfälle interessieren mich viel mehr als all die fingierten Krimis, besonders die immer brutaleren Sex-and-crime-Orgien, mit denen man heute überflutet wird. Nicht Sehnsucht nach Gewalt und Zerstörung, sondern nach psychologischer Spannung und Schlüssigkeit ist der Hauptgrund, warum mir unter der Hand fast jedes Buch, das ich schreibe, zum Krimi wird. Angefangen von „Bussardland“ über „Die Sucherinnen“, die Verwandlungskrimis, Adventskalenderkrimis … selbst in die „Geisterfahrt“ hat sich eine mörderische Krimi-Passage eingeschlichen. Meine schriftstellerische Quelle sprudelt im Unbewussten. Nicht Plan und Absicht drängen mich zum Schreiben, sondern innere Spannungen, ein Gefühl fortwährender Beunruhigung. In Krimis lässt sich das wunderbar ausagieren und einem Ende zuführen, das mich zufriedenstellt. In diesem Sinne sind Krimis auch etwas für Idealisten. Menschen, die darauf aus sind, Licht ins Dunkel zu bringen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, tiefer in menschliche Abgründe zu leuchten. Am Ende siegt nicht unbedingt immer das Gute, aber die verworrene Welt ist ein bisschen klarer und überschaubarer geworden, Missstände liegen auf dem Tisch, Opfern widerfährt zumindest insofern Gerechtigkeit, als sie wahrgenommen und die Täter mit ihrer Schuld konfrontiert werden. Und der Ermittler ­– bei mir sind es vor allem Ermittlerinnen - können nach spannendem Kampf mit Höhen und auch persönlichen Tiefen wieder einen Punktsieg nach Hause tragen.