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SCHREIBEN

100 Seiten einer Leidenschaft

Folge 9: Selfpublishing

 

Das war vor fünf Jahren mein erster Selfpublishing-Titel. Jetzt als Neuausgabe in der dritten Auflage. Das war vor fünf Jahren mein erster Selfpublishing-Titel. Jetzt als Neuausgabe in der dritten Auflage.

Die Chance des Selfpublishing liegt nicht darin, auf der Erfolgswelle der großen Publikumsverlage mitzureiten, 

sondern vielmehr in dem Abenteuer, den eigenen Weg zu gehen, so echt und aufrichtig wie möglich.

 

 

Erfolgreiche Selfpublisher gleichen der legendären eierlegenden Wollmilchsau. Sie müssen Spaß daran haben, sich selbst zu vermarkten und so zu schreiben, dass sie stets den Nerv des Marktes treffen, überdies sollten ihre Bücher professionell lektoriert und gestaltet, am besten auch gleich ins Englische übersetzt sein, einen angesagten Stoff massenwirksam behandeln und auf sämtlichen Social-media-Kanälen unter die Leute gebracht werden. Meine Sache ist das nicht. Und doch halte ich die moderne Methode des Selfpublishing für eine der besten Erfindungen unserer Zeit. Für Menschen wie mich, die leidenschaftlich gern schreiben, aber nirgends richtig hineinpassen – weil sie für den akademischen Literaturbetrieb zu unterhaltsam, für die breite Masse zu anspruchsvoll schreiben, wie mir mal eine wohlmeinende Verlagslektorin sagte -, bietet sich diese Form der Veröffentlichung an, gerade weil sie mir die Freiheit schenkt, mich nicht von vornherein in eine bestimmte Schublade pressen zu müssen, sondern meinen eigenen Stil zu entwickeln. Denn auch wenn sich der deutsche Buchmarkt aktuell noch schwer damit tut, möchte ich meiner Überzeugung treubleiben, dass gute Unterhaltung und literarisches Niveau einander nicht ausschließen müssen. 

Konkret konzentrieren sich meine Erfahrungen im Selfpublishing vor allem auf zwei Anbieter: kindle/kdp und epubli. Von meinen epubli-Titeln habe ich bislang nur sehr wenige Bücher verkauft. Wobei sicher auch eine Rolle spielt, dass der Kunde für die Bücher Porto zahlen und eine Menge Geduld mitbringen muss - Wartezeiten von zwei Wochen und mehr sind keine Seltenheit. Eine Buchhandlung musste mal über sechs Wochen auf meine "Verbrannte Freundschaft" warten. Da half auch alles Telefonieren und Mailen mit der Autorenberatung nichts. Und das war kein Einzelfall. Dieselbe Buchhandlung kontaktierte mich ein halbes Jahr später wieder, weil sie bei dem Versuch, meinen Titel über die epubli-Distribution zu bestellen, wieder auf die gleichen Probleme stieß. Alle die gutgemeinten Marketingtipps, mit denen epubli seine Autor/innen im Gießkannenverfahren bedenkt, verpuffen, wenn ein Verlag nicht in der Lage ist, dem Kundeninteresse zügig nachzukommen. Was meiner Meinung nach trotz allem für epubli spricht, ist die exzellente Druckqualität. Für Privatdrucke, besonders solche mit farbigen Fotos, halte ich diesen Anbieter derzeit für unübertroffen. Für Titel, mit denen ich einen größeren Markt erreichen will, fühle ich mich bei kindle/kdp besser aufgehoben (die keinen Privatdruck anbieten, wohl aber die Möglichkeit, einen Titel zunächst als unveröffentlichen Probedruck herzustellen). Auch die kindle-Gratisaktionen für eBooks sind erfahrungsgemäß eine gute Chance, die Zahl der Verkäufe für digitale wie auch gedruckte Bücher zu steigern. Die Qualität finde ich mittlerweile auch sehr gut, die Lieferung erfolgt portofrei und sensationell schnell, oft binnen zwei Tagen, eine ISBN gibt es gratis dazu, und die monatliche Überweisung der Tantiemen freut das Autorenherz.  

Bedauerlich ist, dass es das alles noch nicht früher gab! Als ich noch Schreibgruppen leitete, mussten wir unsere Werke für viel Geld im Copyshop oder einer Druckerei drucken lassen und hielten am Ende ein „Buch“ in der Hand, das eher aussah wie eine Broschüre oder eine Seminararbeit. Jetzt ist es kein Problem mehr, per Selfpublishing Buchideen genau so zu entwickeln, wie man sie haben möchte, von der ersten Idee bis zum Buchrückentext, und das zu wirklich günstigen Preisen. Wenn ein Titel nicht in großer Zahl gekauft wird, verschwindet er nicht gleich vom Markt wie bei den großen Publikumsverlagen, die nicht zimperlich sind, ihre kostbare Lagerfläche zu entlasten; „verramschen“ heißt das auf Verlagsdeutsch. Die Kalkulationen der Verlage sind knapp und lassen wenig Spielraum für Experimente und literarische Entwicklungen. Ich habe viel gelernt aus der Zusammenarbeit mit Publikumsverlagen, aber noch mehr durch Selfpublishing. Vor allem aber macht Selfpublishing einfach Spaß, eben weil es viel Raum für Spiel und Gedankenreisen bietet, bei maximaler Gestaltungsfreiheit. Und dank des Book-on-demand-Verfahrens wird auch die Umwelt nicht über Gebühr belastet. Niemand muss mehr eine Scheune anmieten, um 1000 und mehr Lagertitel zu horten, denn es werden ja immer nur genau so viele Bücher gedruckt wie nachgefragt.

Bedauerlich ist natürlich auch, dass in Deutschland Selfpublishern immer noch mit Herablassung begegnet wird – als wäre ein so veröffentlichter Titel kein „richtiges“ Buch wie aus einem „richtigen“ Verlag. Ich teile diese Geringschätzung nicht. Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie viel Arbeit und Können Selfpublishing erfordert, vor allem beim gedruckten Buch. Vom Schreiben und Formatieren bis hin zum Korrekturlesen und Covergestalten ist es ein weiter und nicht immer einfacher Weg. Neben schriftstellerischer Begabung braucht es da auch einiges Talent zur Buchgestaltung sowie computertechnischen Sachverstand. Und Durchhaltevermögen! Aber wenn man das Dreigestirn aus Kreativität, Handwerk und Sitzfleisch einmal bewältigt hat und endlich das eigene Buch in der Hand hält, das genau so aussieht, wie man sich das vorgestellt hat, dann ist das eine wunderbare Erfahrung, die der Leidenschaft fürs Schreiben gleich wieder neue Nahrung gibt ...

(Nächste Folge: Fantasie)

 

Folge verpasst? Hier noch mal kurz zum Nachlesen:

Folge 1: Ein Rätsel

Folge 2: Die verleugnete Seite

Folge 3: Freiheit

Folge 4: Zeit

Folge 5: Einsamkeit

Folge 6: Schriftzeichen

Folge 7: Anders lesen

Folge 8: Wirklichkeitswund